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Pilze für Madeleine

Was wenn giftige Pilze im Spiel sind?

© Die Berliner Literaturkritik, 22.08.10

FRANKFURT AM MAIN (BLK) – Das Taschenbuch „Pilze für Madeleine“ von der Schriftstellerin Marie Hermanson wurde im April 2009 vom Suhrkamp Verlag als deutsche Erstausgabe publiziert. Die Originalausgabe erschien 2007 unter dem Titel „Svampkungens son“ und aus dem Schwedischen übersetzt von Regine Elsässer.

Klappentext: Drachenpilz, Wolfsblut, Fliegenpilz, Stinkmorchel: Wenn der „Pilzkönig“ Holger Haglund seine legendären Seminare abhält, liegen ihm die Frauen zu Füßen. Auch die reiche, welterfahrene Schloßbesitzerin Madeleine erliegt seinem Charme. Sehr zum Leidwesen seines Sohnes, der zeitlebens im Schatten seines Vaters stand. Als die Liebe zwischen Holger und Madeleine abzukühlen droht, faßt Holger einen heimtückischen Plan. Was, wenn Vater und Sohn die gleiche Frau lieben? Und giftige Pilze im Spiel sind? In Pilze für Madeleine meistert Marie Hermanson aufs neue den Spagat zwischen schauriger Spannung, absurder Tragödie und zärtlich-ernsthafter Liebesgeschichte. Ein modernes Märchen für Erwachsene - Happy-End inbegriffen.

Marie Hermanson, 1956 geboren, hat etliche Jahre ihres Lebens als Journalistin gearbeitet. Sie debütiert mit einer Sammlung von Erzählungen, die, so ein Kritiker in Schweden, Zeichen sind „einer großen, sich entwickelnden Autorin, welche die altnordische Saga mit den besten Exempeln angloamerikanischer Fantasy und Science Fiction zu vereinen versteht und deren Wurzeln bis hin zu Poe reichen.“ Diesem Debüt folgen die Romane, „Snövit“ („Schneewittchen“), 1990, „Tvillingsystrarna“ („Die Zwillingsschwestern“), 1993, sowie „Väddjuret“ („Die Schmetterlingsfrau“), 1995, alles Romane „über den alltäglichen Horror in unserer eigenartigen Zeit“. (olb)

Leseprobe:

©Suhrkamp Verlag©

Es kann kein Zufall gewesen sein, daß wir ausgerechnet dort und in diesem Moment Stinkmorcheln fanden. Ich erinnere mich an die phallusartigen Fruchtkörper, den widerlichen Leichengeruch und Madeleines unterdrücktes, lockendes Lachen. Ich erinnere mich an den Schauer, der mich durchlief. Ein Schauer aus Begehren, Übelkeit und Haß. Mein Vater war der charismatische Pilzkenner Holger Haglund. In seinem Schatten aufzuwachsen war nicht leicht, und das bitte ich euch zu bedenken, ehe ihr über mich urteilt. Meine Mutter gehörte zu den Menschen, die das Meer lieben. Sie stammte von einer Insel in Bohuslän, ihre Familie lebte seit Generationen vom Fischfang. Als junge Frau war sie nach Göteborg gezogen, sie hatte eine Stelle als Bürokraft in einer Importfirma gefunden. Mein Vater konnte das Meer nicht ausstehen. „Das Määär“, wie er zu sagen pflegte. Er sprach es mit einem lang gezogenen, nasalen Ä aus und ließ das Kinn fallen, er glich dann einer blökenden Ziege. So drückte er seine Verachtung für die hochnäsigen Meermenschen aus. Das Meer war ja so vornehm. Wer es sich leisten konnte, baute ein Sommerhaus am Meer. Der frische Wind, der weite Horizont. „Ja, ja“, schnaubte Vater. Mein Vater liebte den Wald. Wann immer er konnte, nahm er das Auto und floh vor Mutter, mir und der Wohnung in der Stadt. Ins Landesinnere. Weg vom Meer. Wenn die Pflichten als Familienvater ihm zu anstrengend wurden, flüchtete er in die tiefen Tannenwälder wie andere Männer in die Kneipe. „Im Wald ist die Freiheit“, erklärte er. „Diese Quallen haben keine Ahnung, was Freiheit ist. Sie wissen nicht, was es bedeutet, in einem Wald zu ertrinken. Sich zwischen den Stämmen zu bewegen, immer tiefer hinein in den Wald, bis man sich beinahe verirrt. „Recht bald führten die Kontroversen in der Meer-oder- Wald-Frage zur Scheidung. Ich war damals sechs Jahre alt. Ich stellte mich ganz auf die Seite meines Vaters. Ich konnte Salzwasser nicht leiden und liebte morastige Waldseen. Die Tanne war mein Lieblingsbaum. Und schon in jungen Jahren übten auch auf mich die Pilze eine dunkle Anziehungskraft aus. Ich war, fand ich, ganz der Sohn meines Vaters. Vater und ich zogen in eine Kate im Wald, sie bestand aus einer Küche und einer Stube im Erdgeschoß. Das Dachgeschoß war nicht bewohnbar, aber Vater ließ es isolieren und zwei Schlafzimmer und ein Bad einbauen. Die Kate lag sehr einsam, weit weg vom nächsten Ort. Man erreichte sie durch eine enge Öffnung zwischen zwei Felsblöcken. Von weitem ähnelten sie zwei riesigen Frauenschenkeln, worauf Vater jedesmal hinwies. Nach dem Frauenschenkeltor ging es einen steilen Hügel hoch, dann kamen ein paar Kilometer gewundene Schotterstraße, die von Tannenwald und Holzstapeln mit gelbroten, duftenden Schnittflächen gesäumt war. Die Abzweigung zur Kate konnte man leicht verfehlen, wenn man sie nicht kannte. Der Schulbus fuhr natürlich nicht dort vorbei, ich musste also mit Vater fahren. Er fing um sieben an zu arbeiten, die Schule begann jedoch nicht vor acht, und so stand ich oft lange wartend und frierend auf dem Schulhof herum. Wir hatten einen Nachbarn, den alten Utbom, aber mit ihm hatten wir keinen Umgang. Er wurde der Axtmörder genannt, der Name erschreckte mich natürlich, aber mein Vater sagte, daß man den Namen nicht wörtlich nehmen dürfe. Utbom war nur ein bißchen merkwürdig und konnte sehr ärgerlich werden, wenn man ihm zu nahe kam. Er verließ sein Haus eigentlich nur, um Holz zu hacken. Sah man ihn, dann mit einer Axt in der Hand. Er hatte einen Schäferhund, der tagein, tagaus angeleint und nur durch eine erbärmliche Hundehütte vor Regen und Kälte geschützt war. Der eingeschränkte Lebensraum hatte die Sinne des Hundes geschärft. Er hatte ein fast übernatürliches Gehör und schlug an, wenn ein Auto sich näherte, lange bevor man ein Motorengeräusch vernehmen konnte. Hätte es die Pilze nicht gegeben, wären Vater und ich in unserer Kate ziemlich isoliert gewesen. Andererseits wohnten wir wegen der Pilze dort im Wald. Mein Vater hielt Pilzkurse ab. Zwischen Juli und November stand er Sonntag für Sonntag auf der Eingangstreppe und empfing seine Kursteilnehmer. Sie kamen aus dem ganzen Land. Die Pilzkurse meines Vaters waren berühmt, für seine Kenntnisse wurde er überall hoch angesehen. Normalerweise arbeitete er als Lagerverwalter bei einem Regiment der Armee, wo er sich um die Post kümmerte und Ausrüstung und Kleidung an die Wehrpflichtigen ausgab. Da er freien Zugang zum Lager hatte, konnte er unbemerkt alles an sich nehmen, was er brauchte: wasserabweisende Hosen und Pullover, winddichte Jacken, Gummistiefel, Regenkleider, Mützen und Ohrenschützer – alles sehr nützlich im Wald. Seine Arbeit war nicht sehr anspruchsvoll. Wenn er die Post verteilt hatte, saß er in seiner Kammer und wartete. Wartete darauf, das Lager aufzuschließen, wenn etwas gebraucht wurde. Er nahm schmutzige Kleidung entgegen, gab neue aus und führte Buch über alles. Ich glaube, er hat diese Arbeit sehr bewußt gewählt. Sie paßte ihm ausgezeichnet: freier Zugang zu Ausrüstung gepaart mit einer Beschäftigung, die ihn nicht weiter anstrengte, so daß er seine Kräfte fürs Wochenende sparen konnte. Ich habe ihn ein paar Mal an seinem Arbeitsplatz besucht. In dieser fast ausschließlich männlich geprägten Umgebung kamen seine Talente nicht zu ihrem Recht, und ich hatte das Gefühl, daß er ein bißchen zu lässig und herablassend behandelt wurde. Ein Klassenkamerad, dessen Mutter als Köchin beim Regiment arbeitete, hatte mir berichtet, daß die Wehrpflichtigen meinen Vater den „Unterhosenklauer“ nannten. Für mich war das der blanke Neid (was war eine einfache Köchin gegen meinen Vater?), aber als ich später meinen Wehrdienst bei einem Regiment im Norden ableistete – nicht sehr erfolgreich und vorzeitig beendet –, mußte ich selbst erfahren, wie rauh der Ton war und wie man sich über Mitarbeiter mit einfachen Tätigkeiten lustig machte.

©Suhrkamp Verlag©

Literaturangabe:

Hermanson, Marie: Pilze für Madeleine. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009. 161 S., 9,90 €.

Weblink:

Suhrkamp Verlag


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