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Leben und Schicksal

Das beste Stück vom fremden Teller

© Die Berliner Literaturkritik, 17.08.10

HAMBURG (BLK) – Der mairisch Verlag hat im Oktober 2009 Finn-Ole Heinrichs Erzählband „Gestern war auch schon ein Tag“ veröffentlicht.

Klappentext: Susan fehlt ein Bein. Tom ist die Treppe runter gefallen. Und Henning lügt so lange, bis er die Wahrheit sagt. Finn-Ole Heinrich erzählt von Menschen, die ins Schwanken gekommen sind, die das Leben mit aller Härte umgeworfen hat. Und die nun wieder aufstehen müssen. Die ersten beiden Bücher von Finn-Ole Heinrich, „die Taschen voll Wasser“ und „Räuberhände“, wurden von Lesern und Presse gefeiert. Mit „Gestern war auch schon ein Tag“ erreicht sein Schreiben eine neue Stufe. Die Texte hinterlassen in ihrer Ehrlichkeit, sprachlichen Klarheit, ihrer Sensibilität und auch in ihrem Humor eine Faszination, die lange trägt.

Finn-Ole Heinrich ist 1982 geboren und aufgewachsen in Cuxhaven. Sein Filmstudium absolvierte er in Hannover und wurde dann Stadtschreiber in Erfurt und lebt jetzt in Hamburg. 2005 erschien sein Erzählband „die taschen voll wasser“, 2007 folgte der Roman „Räuberhände“. (olb)

Leseprobe:

©mairisch Verlag©

„Ist das ein Gefühl“, sagt sie, „das ist wie alles neu, ganz komisch.“ Sie meint, wieder draußen zu sein, denke ich, auf eigenen Beinen, sozusagen. Ein heller Morgen kurz vor Sommer, Zeit für T-Shirts, Tops und Röcke. Die Straße ist leer so früh, ich beobachte Susan, ohne sie anzusehen. Ich fahre zu schnell, zum ersten Mal seit ich sie ins Krankenhaus gebracht habe, vor Wochen, als man dem Frühling noch nicht traute. Mit achtzig Sachen durch die Ortschaft, sportlich in die Kurven. Das geht wieder. In meinem Augenwinkel guckt Susan in alle Richtungen, als gäbe es da draußen etwas Neues, nicht hier drinnen. Wo ist ihre Angst. Die Neugierde, das Lächeln, alles altbekannt. Neu ist, dass ich es ihr nicht glauben will. Ich fahre zu weit links auf den Mittelstreifen, sehe den weißen Strichen zu, wie sie unter der Motorhaube verschwinden, ein dumpfer Rhythmus. „Das ist alles so aufregend“, sagt sie und lächelt in meine Richtung. Ich fahre wieder etwas nach rechts, hebe den Kopf und lächle zurück. „Ich bin so froh, dass ich wieder nach Hause kann“, sagt sie. Warum so fröhlich, denke ich, müssen wir jetzt fröhlich sein. Ich halte vor der Haustür, steige aus, auch Susan drückt ihre Tür auf. Wie ein Kavalier alter Schule laufe ich um das Auto herum und bin ihr behilflich. Ich ziehe sie hoch aus ihrem Sitz, lege mir ihren linken Arm um den Hals und in einem noch nicht eingespielten Rhythmus laufe ich langsam und hüpft sie eilig auf das Haus zu. Wir stocken, stolpern aber nicht. Ihre langen braunen Locken wippen hin und her, es sind nur ein paar Meter, aber sie sind anstrengend, für uns beide. Sie lacht, als sei es lustig, wie wir humpeln. Dann nimmt sie ihren Arm von meiner Schulter, stützt sich an der Wand ab. Ich schließe auf. Als ich ihren Arm wieder um mich legen will, grinst sie und nickt in Richtung Wagen: „Na los, geh parken, ich pack das schon.“ Sie greift nach dem Türknauf und mit der anderen Hand nach dem Türrahmen. Übermütig wie eine Turnerin auf dem Barren schwingt sie sich einbeinig in unsere Wohnung. Sie will mir zeigen, was alles möglich ist, wie viel Zuversicht sie hat. So zusammengeklappt sieht ein Rollstuhl aus wie ein Fitnessgerät, denke ich und lege ihn auf dem Gehweg ab, die Krücken dazu. Ich schließe den Kofferraum, stehe noch einen Moment. Ich lasse die Geräte einfach liegen, nicht bewacht, und fahre den Wagen in den Hof, wo die Nachbarkinder ihren Fußball gegen die roten Backsteinwände hämmern. Wer sollte Krücken und Rollstuhl klauen.

©mairisch Verlag©

Literaturangabe:

Heinrich, Finn-Ole: Gestern war auch schon ein Tag. mairisch Verlag, Hamburg 2009. 156 S., 16,90 €.

Weblink:

Mairisch Verlag


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